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G8 “Reise-Bericht”

Nachdem in den Medien inzwischen schon so viel unterschiedliches über den G8-Gipfel und die “Ausschreitungen” dort zu hören war, möchte ich auch einen kleinen “Erlebnisbericht” beisteuern, der die Rolle der Polizei im Zusammenhang mit der Eskalation am Samstag vielleicht etwas kritischer darzustellen geeignet ist.

schwarzer Polizei-Block
Der “schwarze Block” der Polizei auf dem Weg zum Einsatz.

Another world is possible

Die Auftakt-Demo am 2. Juni begann gegen etwa 13 Uhr, etwa um diese Zeit jedenfalls setzte sich mein Demonstrations-Zug vom Schutower Kreuz im Norden Rostocks in Bewegung. Dieser war eindeutig kleiner als der zweite Demo-Zug vom Hauptbahnhof, das wurde später angesichts der Menschenmassen auf dem Platz der Abschlußkundgebung klar.

'solid Einsatzwagen

Mein Demonstations-Zug verlief, soweit ich das sehen konnte, ausschließlich friedlich. Es gab keinerlei Ausschreitungen, auch die Polizei war nur vereinzelt und am Rande der Straßen zu sehen. Es wurden weder Steine geworfen, noch anderweitig Randale gemacht.

Laden geschlossenDie geschlossenen Türen in sämtlichen Läden und Supermärkten im weiteren Umfeld der Auftakt-Kundgebung am Schutower Kreuz allerdings sorgten bereits für gewisses Unbehagen bei mir und einem Freund, als wir uns vor der Demo noch Wasser und etwas zu essen kaufen wollten. Überall fanden sich Schilder, die auf die Schließung der Läden innerhalb ihrer regulären Öffnungszeiten hinwiesen. Dabei war ein Laden sogar so dreist, etwas von “Wartungsarbeiten” zu phantasieren. Komischer Zufall.
Im Gegensatz zu den wohl auch durch die tendenziöse Berichterstattung der vergangenen Tage und Wochen überängstlich gewordenen Laden-Besitzern, waren die zumeist älteren Bürger der Stadt, die wir auf der Straße nach einem geöffneten Laden fragten, äußerst hilfsbereit und gaben gerne Auskunft. So fanden wir schließlich fast 2 Kilometer von der Auftakt-Kundgebung entfernt dann doch noch eine “Markant”-Filiale, so dass wir nicht verdursten mußten.

eingehülltes FirmenschildAm Straßenrand der Demo waren dann immer mal wieder eingeschweißte Firmenschilder zu sehen, offenbar hatte man Angst vor Schmierereien.

Außer der leichten Enttäuschung darüber, dass es wohl doch nicht so viele Demonstranten geworden waren, wie zunächst angenommen (nämlich 100.000), gab es bis kurz vor unserer Ankunft am Kundgebungsplatz soweit keinen Anlaß zur Besorgnis oder Verärgerung. Die Zahlen im Radio schwankten von zunächst 25.000 bis gegen später 30.000 geschätzten Demo-Teilnehmern, wobei diese Zahl wohl von der Polizei verbreitet wurde, die unseren Demo-Zug die ganze Zeit vom Hubschrauber aus verfolgte.

Hubschrauber

katastrophenschutz2Kurz nachdem wir am Standort des roten Kreuzes vorbei gekommen waren, dort stand bereits ein Lastwagen mit dem noch lächerlich und übertrieben wirkenden Schriftzug “Katastrophenschutz”, waren auch bereits die ersten Polizei-Trupps zu sehen, die durch eine Seitenstraße zielstrebig in Richtung Hafen rannten.

grüner Polizei-Block

Ab da begann wohl die Eskalation der Gewalt durch das unverhältnismäßige Vorgehen der Polizei und vereinzelte Demonstranten, die voll auf die Provokation eingingen.

Polizei-Hundertschaften

Von einem kleinen Hügel aus hatte ich einen Blick auf das Hafengelände und konnte sehen, wie die Polizei mit einigen Hundertschaften immer wieder in die Masse der auf dem Kundgebungsplatz im Hafen versammelten Leute hinein rannte.

Später habe ich auf der Rückfahrt im Bus erfahren, dass wohl in der Menschen-Masse auf dem Kundgebungsplatz jede Menge “harmloser” Demonstranten gewesen sind. Alte Leute und Mütter mit Kinderwägen. Das Bild kann leider nicht die Dynamik ausdrücken, die durch die hineindrückenden Hundertschaften in der Menschenmasse entstanden ist. Ein Wunder, dass dabei niemand ins Wasser gefallen ist.

Gerüchten zufolge war wohl der Angriff auf ein Polizei-Auto der Auslöser der Kravalle. Das Auto stand allein auf dem Kundgebungsplatz, als der erste Demo-Zug vom Hauptbahnhof dort ankam und einige aus dem schwarzen Block anfingen, das Auto zu attackieren und die Scheiben einzuschlagen etc.
Ein Video vom Angriff auf das Polizei-Auto kann man hier sehen.

Eine andere Geschichte besagt, dass Steinewerfer des schwarzen Blocks, kaum auf dem Kundgebungsplatz angekommen, damit begonnen hätten, die Polizei mit Steinen zu bewerfen. Anschließend hätte sich der Attac-Block hinter dem schwarzen Block dazu entschieden in die Auseinandersetzung hineinzulaufen, hätte mit den Steinewerfern geschimpft, ihnen die Steine weggenommen und die Demonstration sei friedlich weitergegangen, bis die Polizei immer wieder mit Hundertschaften in die nun friedliche Menschenmasse hineingedrängt sei, um die Steinewerfer herauszuholen. Ab dem Moment sei alles eskaliert.

Autonome verschanzen sich hinter umgeworfenem Auto
Bild von Flickr: Photoset G8 2007

Tatsache ist jedenfalls, dass spätestens im Zuge der Blockaden sogenannte Agent Provocateur in die Gruppe der Autonomen eingeschleust worden sind. (siehe dazu auch: Agent Provocateur at G8 2007 und Spiegel Online: Polizei bestätigt Einschleusen von Zivilbeamten)
Damit ist der Raum für Mutmaßungen geöffnet, inwieweit diese Agent Provocateur auch schon bei der Auftakt-Demo aktiv gewesen sind und dort bereits andere Demonstranten des Schwarzen Blocks zu Gewaltaktionen angestachelt haben, wie es auch heißt.

Man muß kein Verschwörungs-Theoretiker sein um die Absicht hinter dem faulen Spiel zu erahnen: Die längst auch außerhalb der linken Szene in breiten Gesellschaftsschichten angekommene Globalisierungskritik und deren Vertreter sollen kriminalisiert und damit entpolitisiert werden. Die guten Argumente der verschiedenen Organisationen, die gemeinsam den Protest gegen den elitären G8-Gipfel in Heiligendamm organisiert haben, sollen nicht gehört werden und lieber in der Berichterstattung über gewaltsame Ausschreitungen untergehen.

Wenn die Globalisierungskritiker als gewalttätige Gewohnheitsdemonstranten mit Lust auf Randale um jeden Preis dargestellt werden können, muss man sich mit ihnen inhaltlich nicht mehr auseinandersetzen. Nicht zuletzt scheinen die scheinbar vorsätzlichen Angriffe auf die angeblich friedliche Polizei mit ihrer sogenannten “Deeskalationsstrategie” den hohen Sicherheitsaufwand des Gipfels mit seinem von Steuergeldern bezahlten 13 km langen High-Tech-Zaun zu rechtfertigen und die Sicherheits-Fanatiker von CDU und SPD können sogar nachlegen und demnächst für Demonstrationen den Einsatz von Gummi-Geschossen fordern.

Wer die Polizei-Gewalt in den Videos beim G8-TV oder auf den Bildern bei Flickr sieht, der mag spontan auch zum Steinewerfer werden. Ohne damit Gewaltakte gegen Menschen mit oder ohne Uniform rechtfertigen zu wollen: Diese Eskalation war nur möglich, nachdem die Polizei den berechtigten Zorn der Masse auf sich gezogen hatte. Sogar eine Frau mit blonder Perücke wurde von der Polizei brutal festgenommen und fortgeschleift, weil eine Perücke als Vermummung gedeutet wurde. (Spiegel Online: Streit um Polizeieinsätze: Wie eine Perücke zur Straftat wird)

zwei Polizisten schleppen eine Frau davon
© Timo Vogt / www.randbild.de

Die Bilanz sah indes ganz anders aus als zunächst behauptet: Nachdem in der ersten Nacht nach der Großdemo noch von zig schwerverletzten Polizisten die Rede war, wurde die Zahl inzwischen auf einen Schwerverletzten reduziert. Die Zahl der verletzten Demonstranten wurde zunächst gar nicht genannt, außerdem wurde die Zahl der Autonomen hochgeschätzt, während die Gesamtmenge der Demonstranten heruntergeschätzt wurde.

Vor dem Hintergrund der brutalen Polizei-Eskalationsstrategie kann es nur als ganz großer Erfolg gesehen werden, dass die Blockaden von Block G8 so erfolgreich waren.

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Kerstin schreibt,

26. März 2008 um 09:43

Na klar… immer sind die anderen schuld…

Fabian schreibt,

27. März 2008 um 19:08

Da hab ich so einen langen Artikel geschrieben und dann ist das der einzige Kommentar? Das Leben kann schon ungerecht sein. ;-)

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